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Das Fairphone und die Komplexität einer ‚fairen‘ Elektronik

21 Jun

Das Fairphone soll besser für Umwelt und Arbeiter sein und geht nun in Produktion. Die Idee, mit dem Fairphone ein Smartphone auf den Markt zu bringen, das nicht nur den technischen Anforderungen genügt, sondern auch noch unter fairen Bedingungen hergestellt wurde, hat in den letzten Wochen viel Aufmerksamkeit bekommen. Sogar Medien wie Spiegel Online, Süddeutsche und FAZ berichteten über die lobenswerte Initiative. Aber neben einer fairen Smartphone-Alternative bringt das Fairphone auch ein paar neue Probleme ans Licht.

Was bietet das Fairphone?

Das Fairphone

Das Fairphone

Das Wichtigste vorweg: Das Fairphone ist ein solides Smartphone der oberen Mittelklasse. Betrachtet man den 4,3-Zoll-Touchscreen mit qHD-Auflösung (960×540 Pixel), die 8 Megapixel-Kamera, den 1,2 GHz-Vierkern-CPU oder den 16Gb integriertem Speicherplatz des Fairphones, dann unterscheidet es sich kaum von den Produkten anderer Hersteller.

Wie die meisten Smartphones in Deutschland läuft es auf Android, so dass sich alle für Android entwickelten Apps problemlos auf das Fairphone laden lassen. Mit der Android-Version 4.2 ist es sogar aktueller als die Mehrzahl der anderen Smartphones. Ein weiterer Vorteil ist die Dual-Sim-Option, die es dem Nutzer erlaubt, zwei Sim-Karten einzulegen und unter zwei Nummern erreichbar zu sein. In dieser ersten Gerätegeneration wird LTE allerdings nicht unterstützt. Dafür sind bei einem Gewicht von 165g zudem WLAN, Bluetooth und HSDPA an Bord. Soviel zu den technischen Eckdaten.

Das Fairphone

Das Fairphone

Mit einem Preis von 325 EUR liegt das Fairphone im Bereich vergleichbarer Handys. Der Preis überrascht umso mehr, wenn man bedenkt, dass hinter dem Fairphone eine niederländische Stiftung steht, die aufgrund der geringen Mengen keine niedrigen Preise mit Minenbetreibern, Zulieferern und Fabriken aushandeln kann wie es die etablierten Herstellern am Markt können. Allerdings ist die Stiftung als gemeinnützige Einrichtung nicht darauf angewiesen, Gewinn zu machen. Damit unterscheidet sie sich von Herstellern wie Apple oder Samsung, die nicht nur in Forschung investieren, sondern auch einen großen organisatorischen Overhead finanzieren und die Aktionäre befrieden müssen.

Ist das Fairphone wirklich 100% fair?

Was muss ein Smartphone bieten, damit es als fair und ökologisch nachhaltig bezeichnet werden kann? Aus meiner Sicht müssen dafür folgende Kriterien erfüllt sein: Faire Arbeitsbedingungen und umweltschonende Vorgehensweise sowohl bei der Rohstoffgewinnung als auch bei der Produktion und Komponenten und Endprodukt. Des Weiteren sollte der entstehende Elektroschrott über den gesamten Produktlebenszyklus minimiert werden.

1. Rohstoffgewinnung

Damit ein Smartphone als fair und ökologisch nachhaltig bezeichnet werden kann, muss natürlich die Gewinnung der Rohstoff unter fairen Arbeitsbedingungen, ohne Kinderarbeit und schonend für die Umwelt vorgenommen werden.

Allerdings bereitet die Feststellung der Herkunft der Rohstoffe Probleme. Schon die Feststellung der Herkunft der Metalle Eisen und Kupfer ist schwer und noch verschlungener sind die Wege über die Tantal, Wolfram, Silber, Gold oder Palladium in den Produktionsprozess gelangen. Auch benötigt man zur Produktion das rare Coltan und die so genannten „Seltenen Erden“. Insgesamt stecken in einem Handy mehr als 60 verschiedene Stoffe, darunter ca. 30 Metalle (Quelle: „Die Rohstoff-Expedition“).

Fairphone-Chef Bas van Abel vor Ort im Kongo

Fairphone-Chef Bas van Abel vor Ort im Kongo

Selbst wenn man die Rohstoffe zurückverfolgen kann, stoßt man an deren Ursprung auf weitere Probleme: Viele der Metalle werden in afrikanischen Krisenregionen abgebaut, in denen Kinderarbeit, Sklaverei und Umweltverschmutzung an der Tagesordnung sind. Zudem sind viele Minen unter der Kontrolle von Milizen, die die Gewinne zur Finanzierung ihrer Waffenkäufe nutzen.

Aus diesem Grund untersagen die USA mit dem Dodd-Franc Act  allen US-börsennotierten Unternehmen, die Verwendung von Zinn, Tantal, Wolfram und Gold aus dem Kongo. Der geforderte Nachweis einer Nichtverwendung stellt die Unternehmen vor große Schwierigkeiten. Zudem kritisieren Experten, dass durch diese Forderung vor allem der Schmuggel gefördert und die Lebensgrundlage von kongolesischen Kleinbergbauern entzogen würde.

Dieser Problematik hat sich das Fairphone-Team gestellt und sich gegen ein Embargo von Rohstoffen aus dem Kongo entschieden. Die heiße Diskussion hierzu kann man sich leicht vorstellen. Denn ein Embargo würde die arbeitslosen Minenarbeiter in die Arme der Milizen treiben. Gründer Bas van Abel sagte dem Handelsblatt: „Wir wollen etwas bewegen, indem wir konfliktfreie Mineralien aus dem Kongo verwenden, anstatt das Land komplett zu meiden.“  Der konfliktfreie Bezug von Rohstoffen ist dem Fairphone-Team schon bei Zinn, Tantal, Gold, Silber und Platin gelungen, bei Wolfram ist man kurz davor.

fairphone kongo

Bei der Rohstoffgewinnung für das Fairphone kann man zwar nicht behaupten, dass eine 100%ige Fairness geschaffen worden ist. Das gibt auch Gründer Bas van Abel im Interview zu: „Wir bauen also kein 100%ig faires Smartphone.“ Allerdings ist es keinem Hersteller bislang gelungen, einen so hohen Anteil an fairer Rohstoffgewinnung zu erreichen.

2. Faire Produktion von Komponenten und Endprodukt

Das Fairphone stößt das Tor zur Welt unserer Elektrogeräte auf, deren Herstellungsbedingungen bislang kaum ans Tageslicht kamen. Spätestens seit den zahlreichen Selbstmorden von Arbeitern des Apple-Zulieferers Foxconn wird auch uns in der westlichen Welt klar, dass die schicken Smartphones (und die anderen Elektrogeräte in unserem Haushalt) nicht ‚vom Himmel fallen‘, sondern von Menschen zusammengesetzt werden.

Fairphone Produktion in China

Fairphone Produktion in China

Das Fairphone wird bei der Firma A’Hong in China produziert werden. China als Herstellungsland ruft bei manchen Kunden verständlicher Weise ungute Assoziationen hervor. Allerdings ist das Produktionsland kein Problem, so lange faire Arbeitsbedingungen und Löhne gewährleistet sind. Laut Fairphone kontrollieren bei A’Hong regelmäßig unabhängige Gutachter die Arbeitsbedingungen. Von den Bedingungen vor Ort hat sich das Fairphone-Team selbst überzeugen können. Es ist interessant zu sehen, was ein Hersteller erreichen kann, wenn man er nur ernsthaft versucht.

3. Vermeidung von Elektroschrott

Die Stiftung bietet Kunden eine zweijährige Garantie. Dazu kommt die Konstruktionsweise des Fairphones, die es ermöglicht, die wichtigsten Bauteile (z.B. der Akku) problemlos auszutauschen. Zur Vermeidung eines unnötigen Elektroschrotts wird das Fairphone standardmäßig ohne Aufladekabel ausgeliefert.

Ein wichtiger Baustein zur Verlängerung der Nutzungsdauer des Fairphones ist der mögliche Dual-Sim-Betrieb. Das ist zwar zum einen praktisch für diejenigen Kunden, die viel reisen oder zwei Anschlüsse mit einem einzigen Handy bedienen wollen. Zum anderen ermöglicht Dual-Sim aber dem Fairphone ein zweites Leben in Schwellenländern. Dort schwankt die Netzabdeckung der Mobilfunkanbieter so stark, dass viele Menschen mehrere Mobilfunkanbieter nutzen.

Zusätzlich unterstützt man als Fairphone-Käufer vernünftiges Recycling. Von jedem verkauften Fairphone gehen 3 Euro an eine Organisation, die Akkus und Batterien aus Ghana, wo sie unter sehr umweltschädlichen Bedinungen verschrottet werden, zurückholt. Diese werden in Belgien einem ordnungsgemäßen Recycling zugeführt.

Ein erster Blick auf das faire Smartphone

Ein erster Blick auf das faire Smartphone

Fazit

Das Fairphone hat zwar nicht die 100%-Fairness-Marke erreicht, allerdings ist dies bei der Komplexität weder möglich noch behaupten dies die Fairphone-Initiatoren. Dennoch kann man erkennen, welche bedeutenden Veränderungen möglich sind, wenn ein Hersteller sich ernsthaft darum bemüht. Das Fairphone ist damit vermutlich das fairste Smartphone auf dem Markt.

Das Fairphone kann auf der Fairphone-Webseite kostenpflichtig vorbestellt werden. Die Produktion startet am 17. Juni und die ersten Modelle werden im kommenden September  ausgeliefert. Sollte bis dahin etwas schief laufen, verspricht die Stiftung, das Geld zurückzuerstatten.

Nur ein Gutmenschen-Handy?

Was ist Eure Meinung zum Fairphone? Nur ein Gutmenschen-Handy als ein neues Statussymbol der Nachhaltigkeitsszene? Bringt es wirklich nachhaltige Veränderungen? Würdet ihr es kaufen? Wir sind gespannt auf Eure Gedanken!

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